Abchasien / Georgien

 Die Aktivitäten von ÄRZTE OHNE GRENZEN in Abchasien und Georgien

Behandlung von Tuberkulos in AbchasienDer Kampf gegen die Tuberkulose

In Abchasien setzt ÄRZTE OHNE GRENZEN die Versorgung von Tuberkulosekranken im Krankenhaus von Guliripschi fort, das wenige Kilometer von der Hauptstadt Suchumi entfernt ist. Außerdem versorgen die Mitarbeiter Patienten auch in mehreren ambulanten Stationen. Das Ziel der Arbeit besteht darin, die Ansteckungsgefahren einzudämmen, indem die TB-Infektion bei möglichst vielen Menschen aufgedeckt und behandelt wird. Darüber hinaus soll die Zahl der Behandlungsabbrüche prozentual unter zehn Prozent gehalten werden, um der Entwicklung von Resistenzen entgegenzuwirken. Außerdem gibt es ein spezielles Behandlungsprogramm für Patienten mit multiresistenter Tuberkulose. Seit einem Jahr behandeln unsere Teams auch Insassen des Gefängnisses von Suchumi im Rahmen eines Anti-Tuberkulose-Programms.

Versorgung der Schwächsten

Abchasien hat eine Gesamtbevölkerung von schätzungsweise 150.000 Einwohnern. 18.000 Menschen wurden durch Sozialarbeiter von ÄRZTE OHNE GRENZEN und Kollegen vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) als besonders sozial schwach identifiziert. Mit einem Ausweis können diese Personen nun in bestimmte regionale oder städtische Krankenhäuser gehen. Hier können sie sich kostenlos von einem Arzt behandeln lassen, der von ÄRZTE OHNE GRENZEN beschäftigt wird. Die Organisation stellt auch die hierfür notwenigen medizinischen Materialien und Medikamente zur Verfügung. In Suchumi betreuen ein Arzt und eine Krankenschwester auch die Menschen, die selbst nicht mehr mobil sind. (Insgesamt fanden im Jahr 2001 ca. 30.000 Arztbesuche statt.)

In der georgischen Hauptstadt Tiflis arbeitet ÄRZTE OHNE GRENZEN in einem der ärmsten Viertel. Hier leben vor allem Zuwanderer aus anderen Orten und Flüchtlinge. Von den 160.000 Einwohnern hatten nur ca. 10.000 Zugang zu einer medizinischen Versorgung. Daher hat ÄRZTE OHNE GRENZEN eine Klinik eröffnet, in der Patienten an fünf Tagen pro Woche behandelt werden. Dazu benötigen sie einen Sozialausweis. Menschen, die einen solchen Ausweis nicht besitzen, werden ebenfalls behandelt und bekommen anschließend von den Mitarbeitern Hilfe bei der Beantragung eines solchen Ausweises bei der Sozialbehörde der Gemeinde.

ÄRZTE OHNE GRENZEN ist seit 1993 vor Ort und arbeitet zurzeit mit 15 internationalen und 110 nationalen Mitarbeitern in Georgien und Abchasien.

 

Abchasien wird bis heute von keinem Staat der Welt anerkannt

1991 erklärte Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Die Abchasen sagten sich ihrerseits im Juli 1992 von Georgien los, worauf georgische Truppen das Land besetzten. Der 14 Monate währende Krieg, in dem die Abchasen inoffiziell russische Unterstützung erhielten, endete mit einer Niederlage der Georgier. Im Mai 1994 wurde ein Waffenstillstand geschlossen, die anschließenden Verhandlungen haben aber bis heute kein Ergebnis gebracht. Eine Beobachtermission der Vereinten Nationen (UNOMIG) wurde eingesetzt. Die unbewaffneten Blauhelmsoldaten wachen über die Einhaltung des Waffenstillstands.

Vor dem Krieg lebten etwa 500.000 Menschen in Abchasien, von denen etwa 46 Prozent Georgier, 17 Prozent Abchasier und 16,5 Prozent Russen waren. Zudem lebten in dem kleinen Land Armenier, Estländer, Ukrainer und Türken u.a.

Dem Krieg zwischen Abchasien und Georgien fielen etwa 10.000 Menschen zum Opfer. Schätzungen zufolge flohen bis zu 350.000 in Abchasien lebende Georgier nach Georgien, wo sie bis heute als Vertriebene in Massenunterkünften unter inakzeptablen Bedingungen leben.

Abchasien wird bis heute von keinem Staat der Welt anerkannt. Die beiden Nachbarländer Georgien und Russland haben Abchasien mit einem Handelsembargo zu Wasser und zu Lande belegt, so dass eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung unmöglich ist. Ohne Friedensvertrag und ohne internationale Anerkennung als eigenständiger Staat hat die so genannte Autonome Republik Abchasien keinen Anspruch auf Entwicklungshilfe.

Unterdessen leben ca. 18.000 Abchasier in extremer Armut und sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Ein Großteil solcher Hilfe wird vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und von ÄRZTE OHNE GRENZEN geleistet. Doch die humanitäre Hilfe ist für eine derartig bedürftige Bevölkerung bei weitem nicht ausreichend. Viele Hilfsorganisationen mussten sich sogar aus Abchasien zurückziehen, weil sie Probleme hatten, international Gelder für die Finanzierung von Projekten zu erhalten.

 

Zeugenaussagen aus dem Länderbericht Abchasien

Ältere Menschen in AbchasienEine Patientin: Olga, 80 Jahre alt, hat keine Verwandten, die sich um sie kümmern könnten. Sie ist russischer Herkunft und wurde in Abchasien geboren.


Als das Team von ÄRZTE OHNE GRENZEN Olga zum ersten Mal besuchte, war die Haustüre verschlossen und sie reichte den Schlüssel durch das Fenster. In der Wohnung stank es entsetzlich, alles war unvorstellbar verdreckt, und Ratten huschten durch das Zimmer. Es gab weder Wasser noch Strom oder eine Heizung. Olga wiederholte mehrmals den Wunsch, sterben zu wollen. Ihre Beine waren geschwollen und entzündet. Sie war sich ihrer Lebensumstände und ihres Zustands völlig bewusst. Früher hat sie als Frauenärztin gearbeitet und als Geburtshelferin die Hälfte der Einwohner Suchumis auf die Welt geholt. "Selbst habe ich keine Kinder", seufzt sie, "und heute gibt es niemanden mehr, der sich um mich kümmern könnte."

Die Teams von ÄRZTE OHNE GRENZEN, IKRK und Premieré Urgence kümmern sich seither um sie.

 

Eine abchasische Ärztin: Dr. Irina Aschuba,

Leiterin der neurologischen Abteilung im Krankenhaus von Suchumi (Hauptstadt Abchasiens)

Vor zehn Jahren kam Dr. Irina Aschuba nach Abchasien zurück, um die Leitung der neurologischen Abteilung im Stadtkrankenhaus von Suchumi zu übernehmen. Damals war der Krieg gerade beendet, und sie hatte ihren Abschluss an der Moskauer Universität gemacht. Das Krankenhaus mit der einzigen neurologischen Abteilung Abchasiens war zu dieser Zeit in einem heruntergekommenen Zustand. Bis heute hat sich daran wegen der fehlenden finanziellen Zuwendungen nichts geändert. Die Wasserleitungen sind undicht, die Toiletten daher nicht benutzbar. Die Krankenschwestern geben den Patienten deshalb Plastikschüsseln, die diese als Bettpfannen benützen. Beim Schlafen wechseln sich die Patienten, die in der Mehrheit zwischen 50 und 80 Jahre alt sind, in den wenigen Betten mit annehmbaren Matratzen ab. Die anderen schlafen auf zerfledderten Matratzen, die auf Brettern liegen. Für Patienten mit physischen Beschwerden und Herz-Kreislauf-Problemen ist das äußerst problematisch.

Meist kommen die Menschen hier erst ins Krankenhaus, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht, und dann sind ihre Chancen auf Heilung gering. Weder das Krankenhaus noch sie selbst haben die Mittel, sich die vom Arzt verordneten Medikamente tatsächlich zu kaufen. "Manchmal zahle ich die sogar selbst", sagt Dr. Aschuba, die trotz der nicht vorhandenen Mittel ihr Bestes für die Patienten zu tun versucht. Sie meint: "Ich bin ihr Allgemeinarzt, ihre Neurologin und ihre Psychologin, alles in einer Person. Ich versuche sie ein bisschen zu unterstützen." Die Geschäftigkeit des Personals und die Besucher helfen zudem denjenigen ein klein wenig über ihre Einsamkeit hinweg, die ganz alleine hier sind.

 

Eine Art "humanitäres" Embargo liegt über Abchasien

Ältere Menschen in AbchasienAbchasien liegt am Schwarzen Meer. Mit seinem mediterranen Klima war das Kaukasusland einst Urlaubsziel von Tausenden von Sowjetbürgern. Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion ist Abchasien heute ein vom Krieg mit Georgien gezeichnetes Land, das international isoliert ist und dessen Bevölkerung in teilweise erschreckender Armut lebt.

Da nur sehr wenige Organisationen in Abchasien tätig sind, gelangen kaum Informationen über das Land und die Not seiner Bewohner an die Öffentlichkeit. Das Bewusstsein, dass dort Hilfe dringend gebraucht wird, ist folglich kaum vorhanden. Neben dem Handelsembargo gibt es so eine Art "humanitäres" Embargo.

ÄRZTE OHNE GRENZEN hat daher einen Bericht veröffentlicht, der auf die Lebensbedingungen der abchasischen Zivilbevölkerung aufmerksam macht. Sowohl medizinische als auch soziale Daten wurden zu diesem Zweck von ÄRZTE OHNE GRENZEN erhoben, um die katastrophalen Folgen der aktuellen Situation für die Bevölkerung in Abchasien zu schildern. Der Bericht will sowohl die Geberländer als auch andere Hilfsorganisationen auf die Lage der Menschen in Abchasien aufmerksam machen.

Der Bericht zeigt, dass ein großer Teil der abchasischen Bevölkerung - unter ihnen vor allem auch ältere Menschen - in großer ökonomischer und psychosozialer Not lebt. Neben einer sozialen und medizinischen Versorgung sind ihre Lebensumstände vom Mangel an Nahrung und menschenunwürdigen Wohnverhältnissen geprägt. Oft fehlt ihnen der Zugang zur Wasser- und Heizungsversorgung, und sie haben nicht genügend Kleidung. Die staatliche Rente lag bis zum Juni 2002 bei 30 Rubel*, was weniger als fünf Euro entspricht. Damit kann man in Abchasien einen Liter Öl, drei Kilo Kartoffeln, zwei Kilo Mehl oder 500g Yoghurt kaufen.

ÄRZTE OHNE GRENZEN führte unter den 18.700 Menschen, die als arm zu bezeichnen sind, eine soziodemographische Studie durch. Diese ergab, dass 70 Prozent von ihnen ein ganz geringes Einkommen haben, unter völlig unzureichenden Umständen leben und ihr Gesundheitszustand sehr schlecht ist. 70 Prozent der Ärmsten sind Frauen, 60 Prozent von ihnen sind über 65, und 60 Prozent von ihnen gehören zu der nicht-abchasischen Minderheit: darunter sind Russen, Georgier, Armenier, Griechen, Türken und Ukrainer u.a.

Die Bedürfnisse der Menschen liegen klar zutage. Es gibt Organisationen, die die nötige Hilfe leisten könnten, doch fehlen ihnen oft die finanziellen Mittel.

*Danach stieg sie auf 60 Rubel