GEORGIEN: Schewardnadses bittere Bilanz
 

In Georgien müssen Kinder selber für ihr Brennholz in der Schule sorgen. Häftlinge brauchen Nahrung von ihren Angehörigen, um zu überleben. Ein Großteil der Bevölkerung lebt ohne Strom, während sich die Bonzen in Tiflis kleine Schlösser bauen. Der einstige Hoffnungsträger Eduard Schewardnadse blickt nach zehn Jahren Amtszeit auf eine bittere Bilanz aus Armut, Terror und Korruption.

 

Eduard Schewardnadse

Von Anja Bröker

Wer in Rustawi zur Schule geht, kennt es nicht anders: Das Schulhaus ohne Strom, das Fensterglas zerschlagen, Kanonen-Öfen im Klassenzimmer. Energie gibt es in der georgischen Provinzstadt seit zwölf Jahren nicht mehr. Brennholz und Petroleum müssen die Eltern kaufen, die Kinder bringen es morgens mit zum Unterricht.

 

Als die Lehrerin Lia in der Schule anfing, war das Gebäude noch neu. Die Heizungen funktionierten. Moskau brachte Strom und Gas in jeden Winkel der großen Sowjetunion. Heute denkt Lia nur noch daran, wie sie über die Runden kommt. Sie verdient, so wie alle Lehrer in Georgien, 34 Lari im Monat. Umgerechnet 15 Euro.

 
 

 

Der Markt in Rustawi: Auch wenn es hier fast alles zu kaufen gibt: Frisches Fleisch oder Käse kann sich kaum einer leisten. Wenigstens der Wodka ist bezahlbar. Auf der Flasche für 1,80 Euro das Bild von Sowjetdiktator Stalin. Er ist noch immer der berühmteste Georgier. Die Marke heißt "Der Schritt zurück". Und den haben hier viele gemacht, seit das Land unabhängig wurde.

 

Vor zehn Jahren setzte Lia noch auf Präsident Schewardnadse. Er war doch beliebt in der ganzen Welt, meint sie. Aber was mit ihm folgte, macht der Lehrerin das Leben nur noch schwerer: Das Land versinkt im Bürgerkrieg. Die Wirtschaft bricht zusammen. In Lias Wohnung fließt kein warmes Wasser mehr. In Rustawi arbeitet nicht ein einziger Betrieb, sagt sie. 150.000 Menschen leben in der Stadt. Neun von zehn sind arbeitslos. Wer Geld hat, kauft davon Brennholz, keine Bücher.

 

Zizo lebt in Tiflis, der Hauptstadt von Georgien. Wie so oft gibt es bei ihr nur Lobbio zu essen, billiges georgisches Bohnenmus. Zizos älterer Sohn ist behindert. Deshalb bleibt die Mutter zu Hause. Ihr Mann verlor vor zwei Monaten die Arbeit. Der Familie bleibt nur die Behindertenrente des Sohnes. Vier Menschen leben von sieben Euro im Monat. Wann es zum letzten Mal Heizung und Licht gab in dieser Wohnung? "Vor fünfzehn Jahren muss das gewesen sein", erinnert sich Zizo. Seit drei Wochen liegt ihr Mann Godscha mit schweren Verletzungen im Bett. Er war abends in der Metro unterwegs, wurde von der Polizei angehalten, sie forderten Geld, es gab Streit.

 

Eine Wunde am Kopf, die Nieren sind geprellt. Die Polizei behauptet, Godscha sei auf die Gleise gefallen. Doch der sagt: "Sie haben auf mich eingeprügelt." Für Georgiens Menschenrechtler ist der Fall klar: Willkür und Gewalt durch die Polizei gehören zur Tagesordnung. Godscha geht nun vor Gericht. Mit geringen Chancen auf sein Recht.

 

Wer sich in Georgien mit der Polizei anlegt, riskiert sein Leben. Sagt Nana Kakabadze. Sie dokumentiert Fälle von Folter und Gewalt bei Polizeiverhören. Nach der Folter unterschreibt fast jeder sein Geständnis - selbst wenn er nichts getan hat. Noch schlimmer sind die Zustände in unseren Gefängnissen. Die Regierung zahlt weniger als einen halben Euro pro Gefangenen am Tag. Wer keine Familie hat, die Essen bringt, der hungert. Längst grassiert in den Zellen Tuberkulose.

 

Das Geschwür der Korruption wuchert in dem Kaukasus-Land. Zwei Milliarden Euro ausländischer Kredite versickerten in den letzten Jahren. Der Kreis rund um Präsident Schewardnadse bereicherte sich. Frage an den Staatschef: Wie sieht ihr Kampf gegen die Korruption aus? Der 73jährige weicht aus: "Wir ziehen gegen dieses größte aller Übel zu Felde. Ich bin sicher: Nach einer gewissen Zeit kommt die Wende."

 

Mischa Saakaschwili sagt: "Der Feldzug gegen die Korruption - das sind doch leere Phrasen. Schauen Sie sich doch die Villen unserer Politiker an." Saakaschwili war einst das Ziehkind des Präsidenten. Doch als er voriges Jahr Fotos der Politiker-Häuser im Parlament aushängte, fiel der junge Justizminister bei Georgiens erstem Mann in Ungnade. "Der Haushalt des Landes beträgt rund 600 Millionen Euro. Ohne Korruption und mafiöse Machenschaften wäre er dreimal so hoch", erklärt er. "Die Gehälter für unsere Lehrer und Ärzte, die Renten - all das ist verschwunden in den Händen weniger."

 

Andere haben nichts. Die Tagelöhner von Tiflis wissen am Abend nicht, wovon sie morgen leben sollen. Nach zehn Jahren Schewardnadse haben sie weder Arbeit noch ein Dach über dem Kopf. Georgien.